Das Projekt will aufzeigen, dass das zunehmende Interesse des deutschbaltischen Adels im 18.-19. Jahrhundert an literarischer Produktion nicht hauptsächlich auf der Aneignung kreativer Praxis durch die nobilitas haereditaria basierte, sondern durch die häufige Nobilitierung gelehrter Autoren und Familien (nobilitas litteraria) im 16./17. Jahrhundert entstand. Auf diese Weise bewerten wir die These vom literarischen Erwachen des Adels als Folge günstiger politischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Entwicklungen neu. Während der polnisch-litauischen und schwedischen Herrschaft entstand für die gelehrten [Staats- und Stadt-]Beamten und Literaten die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg und zur Durchmischung mit dem alten Adel. Der konzeptionelle Wandel in der Behandlung des Verhältnisses von Adel und Literatur wird in einem Handbuch „Adel und Literatur in den frühneuzeitlichen baltischen Landen“ und in Quellenveröffentlichungen wichtiger literarischer Werke, die bisher nur in Handschrift vorliegen (Lode-Werner, Wrangell, Meyer, Mengden, Hilchen, Schwembler), aufgenommen.

 

Projektleitung

  • Kristi Viiding, PhD (Neulateinische Studien; Klassische Philologie; Estnische Sprache und Literatur)

 

Forschungsmitarbeiter

  • Martin Klöker, PhD (Deutsche Literatur, Literaturgeschichte; Buchgeschichte)
  • Aira Võsa, PhD (Theologie, Geschichte, Buchgeschichte)
  • Kaarel Vanamölder, PhD (Geschichte, Historiographie, Geschichte der Kommunikation)

 

Weitere Mitarbeiter

  • Marin Jänes, MA (Deutsche Literatur und Kultur)

 

Wissenschaftlicher Beirat

  • Alicja Bielak (Polnische Akademie der Wissenschaften)
  • Enn Küng (Universität Tartu)
  • Ulrike Plath (Universität Tallinn)
  • Kristiina Savin (Universität Lund)

 

Das Hauptziel dieses Projekts ist es, der breiteren Forschungsgemeinschaft die aktuelle Forschungslücke in der Geschichte der Literatur des estnischen und livländischen Adels in der Frühen Neuzeit (16.-17. Jahrhundert) bewusst zu machen und diese Lücke zu füllen mit unvoreingenommenen wissenschaftlich und interdisziplinär fundierten Fallstudien, kritischen und kommentierten Editionen von Schlüsseltexten und einem Handbuch, das auf einer soliden Bibliographie basiert. Das Projekt strebt eine kritische Revision des aktuellen Umgangs mit der deutschbaltischen Literatur an.

Das Projekt basiert auf der Hypothese, dass die Entstehung des schreibenden Adels in Estland und Livland nicht nur durch eine rasche Verbesserung der wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Situation des Adels am Ende des 18. Jahrhunderts verursacht wurde, sondern auch durch einen soziokulturellen, pädagogischen und literarischen Wandel, der sich bereits in der Frühen Neuzeit in den folgenden Schritten ereignete:

  • die weit verbreitete Nobilitierung der Gelehrten und Beamten und ihrer Nachkommen im 16.–17. Jahrhundert;
  • die Vermischung von unter polnisch-litauischer und schwedischer Herrschaft Nobilitierten mit dem alten deutsch-baltischen Adel;
  • die Übertragung der literarischen und wissenschaftlichen Ideale und Kompetenzen der Gelehrten und Beamten auf den alten Adel.

 

Dabei wollen wir nicht die Ergebnisse des Wandels, also die vom Adel im 18.–19. Jahrhundert geschaffene Literatur, analysieren, sondern die vorangegangene frühe literarische Situation.

Entgegen der These von Wilpert (2005), dass die deutschbaltische Literatur „von Adligen und Literaten getragen [wurde], deren Trennung durch zunehmenden Austausch – indem Adlige Schriftsteller, Schriftsteller geadelt wurden – verwischte“, gehen wir davon aus, dass:

  • die Wechselwirkung in der Frühen Neuzeit kein diffuses Phänomen war, sondern in einer Richtung verlief: Nach dem Aufstieg der Autoren in den Adelsstand beeinflusste ihre Vermischung mit dem alten Adel durch Heirat nach und nach über mehrere Generationen den Hochadel insgesamt im Hinblick auf literarische Aktivität;
  • gerade die langsame, aber zunehmende Nobilitierung die Nachhaltigkeit des literarischen Wandels für die nächsten Jahrhunderte sicherte.

 

Durch das aktive Verfassen und die Wertschätzung der auf der Grundlage der Bildungstradition entstandenen Schreibkultur war der deutschbaltische Adel ein Beispiel für die ersten Generationen estnischer Literaten. Nach ihrem Vorbild wurde die Beherrschung des literarischen Ausdrucks zu einem Mittel für den Aufstieg der Esten in die Elite der Gesellschaft. Daher ist eine genauere Verzeichnung und Analyse der frühen Adelsliteratur auch für das Verständnis der späteren estnischen Literatur von entscheidender Bedeutung.